Victoria
1. Kapitel „Die Traumreise“

Es öffnete zum zweiten Mal seine Augen. Aber auch das ließ es im dunklen verweilen. Das Wesen wollte wissen, wo es sich befand oder was es war. Mit seinen Händen tastete es die Wand ab, die dünn zu sein schien und leicht gewölbt war. Leicht klopfte es mit seinen Zündstäbchen dünnen Fingern gegen die Materie. Aber es erhielt keinen Rücklauf. Sein Körper war noch nass. Beim Abtasten seiner selbst bemerkte es seine spitzen Knochen. War es in einem Sarg gefangen? Lebendig begraben. Konnte es sprechen? Kein Ton verließ seinen Mund.
Ein knacken richtete die Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Wand, die es gefangen hielt. Es fühlte über die Stelle, nach der es eben geschlagen hatte. Ein kleiner Riss hatte sich gebildet und wurde von einem grellen Lichtstrahl durchbrochen, dass das Wesen für einen Moment völlig erblinden ließ. Was war das?
In seinem Kopf ertönte eine melancholische Stimme, die es schläfrig machte. Es versuchte sich gegen den Eindringling in seinem Kopf zu wehren, doch es hatte keine Chance:
„Heute ist dein Tag der Neugeburt. Die Menschen haben dich zerstört aber du bekommst noch eine Chance dein Leben dieses Mal nicht an mich zu verschwenden. Ich lasse dich dieses Mal alleine auf dieser Welt. Als Preis hast du deine menschliche Hülle verloren und wirst nun als etwas besseres geboren. Der Mensch ist böse und kann dich manipulieren, aber in diesem Körper bist du ihm überlegen. Gehe gut mit deiner Macht um und missbrauche sie nicht. Ich bitte dich, diese Chance zu nutzen, denn du hast nur diesen einen Versuch. Erfülle diese Mission, erst dann können wir eine gemeinsame Zukunft haben. Du sollst Sanya heißen. Deinen richtigen Namen hast du schon längst vergessen. Jeder der dich kennt, wird dich nur noch unter diesem Namen kennen. Ein Zauber lässt alle Einträge in Büchern, Schriften und Kritzeleien mit dem Namen Sanya überdecken.
Gehe nun in deine alte Familie zurück. Sie vermisst dich sicherlich schon. Und bedenke, dass du über dein Erlebnis heute schweigen musst. Ich muss jetzt gehen. Es tut mir Leid, dass wir nicht zusammen kämpfen können. Ich liebe dich, mein Mädchen, vergesse das bitte niemals!“
Die Schale um das Mädchen zerbrach und die Kraft der Stimme ließ sie aufblühen. Sanya war glücklich, spannte ihre Flügel auf und flog in den Nachthimmel hinauf. Der kühle Abendwind rauschte an ihren Wangen vorbei. Die vielen Lichter der Stadt leuchteten empor. Tausende von Sternen tanzten im Himmel und mittendrin leuchtete der Vollmond auf die außenliegenden Klippen, wo die Wellen des Meeres brandeten. Die Tiefe des Meeres ergriff das Mädchen, so dass sie sich das genauer ansehen wollte. Die Klippen fielen steil hinab und waren nicht gesichert. Es beobachtet die Dampfer die man aus der Ferne noch sehen konnte.
Die goldenen Haare von Sanya waren schon sehr lang, aber sie konnte sich einfach nicht von einem Teil davon trennen – selbst die Neugeburt haben sie überlegt. Ihr starker Geist beschützt ihren Körper. Selbst die nackte Blöße machte ihr nichts aus, weil sie sich vom Herzen und ihrer Seele aus gut fühlte.
Die Augen waren Ozeanblau, so dass man darin hätte versinken können. Die mit Rouge bedeckten Wangen verliehen dem Wesen ein helles Gesichtsbild. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Doch dann schlug die Realität wieder in sie hinein. Er war einfach nicht mehr da und der Gedanke, dass sie diese Welt ohne ihn leben musste, trieb sie in den Wahnsinn. Eine Rückkehr war ausgeschlossen, auch wenn sie wollte, das Band war versiegelt und konnte nicht mehr gebrochen werden. Er war nun verbannt in das Reich des Teufels. Fort in den Klauen des Satans. Sein Geist war schon vor dem Tod seiner Hülle gestorben. Es war kein schmerzlicher Prozess gewesen. Seine Seele ist langsam versickert; untergegangen in einem Strudel des Nichts. Niemand außer ihr hatte es bemerkt. Doch Sanya hatte auch damals nicht die Macht, ihm zu helfen. So gerne sie auch gewollte hätte. Niemand, einfach niemand hätte die Macht dazu gehabt. Jede Träne, die sie weinte war für ihn bestimmt. Jeder Kuss den sie in der menschlichen Welt verschwendete, sollte ihn erreichen. Jedes Lächeln war für ihn bestimmt und jede Zärtlichkeiten war ihm gewidmet. Sie hoffte, dass sie ihn erreichen würden. Doch sie war sich dessen nicht sicher. Jetzt konnte sie ihr leben gestalten. Sie war frei von allem und glücklich, aber die Leere würde sie ewig verfolgen. Sie konnte einfach nicht verstehen, wie eine so ausdruckstarke und gefühlvolle Seele so leicht und unbemerkt versterben konnte, wieso unbedingt SEINE Seele hatte sterben müssen. Er war mehr als einfach nur ihr Freund gewesen. Er war alles für sie gewesen. Und trotzdem war sie glücklich und frei, aber auch traurig und alleine. Wie konnte das sein?
Sanya stürzte sich die Klippe steil hinunter und kurz bevor ihre Nasenspitze das Wasser berührte lenkte sie nach oben. Sie Flog so schnell sie konnte, als hätte eine Hetzjagd begonnen. Ihr Wunsch war zu vergessen, zu verstehen und einfach nicht mehr da zu sein. Sanya flüchtete sich in ihre Traumwelt; eine Welt mit ihm zusammen. Eine für sie glückliche Welt. Zwischen den vielen Blumen, auf der großen Blumenwiese mit ihrer harten Musik, die sie befriedigen konnte und jeden Schmerz von ihr nahm und doch nicht in das Bild des nett aussehenden Mädchens passen wollte. Musik war ihre Leidenschaft, ihr Steuermedium, wenn sie nicht wusste, wie es weiter gehen sollte. Sanya versuchte ihr Leben, in die rechte Bahn zu steuern, was allerdings in den wenigstens Fällen gelingen wollte. Oft musste sie sich schon gegen andere beweisen. Das hatte aus ihr eine Kämpferin gemacht. Nun musste sie versuchen ihr Leben zu leben. Bis zum bitteren Ende. Der einzige Trost, der ihr blieb, war ihn irgendwann wieder zu sehen. Vielleicht würde sie nach dieser Neugeburt ihre Sünden wieder begleichen und mit guten Taten für ihn bürgen können, so dass er ebenfalls mit ihr in den Himmel steigen konnte und nicht seine Stunden bei Luzifer abbauen müsste: Sie würde ihn wiedersehen. Ihr Herz sagte es ihr. Sanyas naiver Verstand setzte aus. Sie wusste nicht, auf welches Spiel sie sich eingelassen hatte, sie hatte keine Ahnung, welch großes Opfer sie hiermit bringen würde. Sanya wusste auch nicht, wie sehr ihre große Liebe doch gesehen hatte. Der Teufel hatte sie um seinen Finger wickeln können. Und auch er konnte nichts mehr tun. Der Teufel hat durch die Schwäche der Menschheit dieses Mädchen ködern können. Sanya ließ sich auf dieses Spiel ein weil sie auch gar nicht wissen wollte, worauf sie sich genau eingelassen hatte. Das Mädchen wollte auch gar nicht verstehen, dafür liebte sie ihn zu sehr. Sie sehnte sich jede Sekunde nach seiner Anwesenheit. Er wollte und konnte aber nicht. Ihre Liebe hatte seine Chance verspielt und dem entschlossen ein Ende gesetzt. Jetzt übernahm sie seinen Posten.
Genau in diesem Moment hatte sie sein Gesicht wieder vor Augen. Eben war sein Bild noch verschwommen. Aber jetzt ... augenblicklich wollte sie ihm um den Hals fallen und ganz fest drücken, ihn an sich pressen, doch er konnte nicht. Das war der Grund, weswegen er kaputt ging. Am Ende wollte er gar nichts mehr. Sie wollte nicht wie sonst die Hülle umarmen sondern "ihn". Sein ganzes ich wollte sie haben, doch längst war es zu spät. Er wollte zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr da gewesen sein und "existieren". Schwere überfiel Sanya...

Die Wolken schon küssend und wieder absinkend dachte Sie daran, dass sie ihm doch noch so viel gesagt haben wollte. Doch nun war es zu spät. Er war fort und würde nie wieder kommen. Sie musste lernen, das Geschehene zu akzeptieren. Doch das war schwer. Sie konnte nicht einfach so tun, als wäre nie etwas geschehen, als wäre er nie da gewesen. Dafür war er immer noch zu "nahe". Als er noch am Leben war, hatte sie so viele Träume in ihrer Fantasie gelebt, in denen sie zum Beispiel vor dem Altar standen und sich das "Jawort" gaben worauf dann klischeehaft der leidenschaftliche Kuss folgte. Aber das war jetzt vorbei.

Sie flog wieder über dem Festland und war nahe der Stadt. Sie landete auf der spitze des Kirchturmes und schaute auf das Grab des Verstorbenen. Sie näherte sich vorsichtig und mit Furcht seinem Grab, kniete sich nieder und verbarg ihre dicken Tränen hinter ihren Händen. Ein schluchzendes „Wieso?“ presste sie durch ihre Lippen. Einsamkeit durchfuhr sie. Niemand war da, der sie hätte trösten können. Verloren? Da sein?! „Wo bist du?“, hallte es über den Friedhof, „warum hast du mich alleine gelassen? Wie konntest du mir das antun?“ Innerlich zerschlugen sie diese Gedanken wie ein Schlag auf eine unschuldige, hilflose Kinderhand. Sie rappelte sich hoch, ging ein paar Schritte und drehte sich noch ein letztes Mal um. Sie flüsterte: „Auf wiedersehen!“, und ging weiter. Sie öffnete die schwere Türe und ließ ihre Hand in das Weihwasser eintauchen, segnete sich und ging weiter, weiter hinein, in die Dunkelheit. Sie nahm in der letzten Reihe Platz und schaute in die trostlose Dunkelheit. Er nahm ihre Hand und sagte: „Danke, dass du gekommen bist, Sanya. Ich habe schon auf dich gewartet...“
„Ich sehne mich zu sehr nach dir, nach einem Kuss, nach deinem Geruch...“, hauchte sie in die kalte Luft. „Du weißt, dass du weiterleben musst“, flüsterte er. „Ja, doch ich freue mich auf den Tag, an dem du mich erlösen wirst, auf den Tag, wo wir wieder vereint sein werden, da du mich wieder in den Arm nimmst, dich freust und mit mir lachst“, sagte sie.
„Ja, bald werden wir vereint sein. Aber nun muss ich wirklich gehen. Viel zu lange bin ich nun schon hier. Mein Bild wird schon immer blasser. Ich wollte nur noch sicher gehen, dass du gut nach Hause kommst. Geh schlafen. Deine Neugeburt hat dich sicherlich müde gemacht. Gute Nacht, Süße!“
Fort war er. Glücklich aber immer noch mit Tränen in den Augen schritt Sanya hinaus. Der Abendwind fuhr durch ihre Haare. In der Ferne sah man schon den Himmel, der sich orange färbte. Sanya musste sich beeilen, sie musste schnellstens nach Hause. Doch was für ein zu Hause hatte sie schon? Nein, dass war nicht ihr zu Hause. Das war nur eine vorrübergehende Bleibe, nicht mehr. In einer ländlichen Gegend, auf einem Hof. Sie hatte ein kleines Zimmer und noch mehrere „Geschwister“. Bei ihnen zu Hause herrschte immer Chaos, keine Zeit sich zu entspannen, keine Zeit um zu trauern und keine Zeit sich zu freuen. Sanya konnte dort nicht ihre Seele betten und ihren Körper stärken. Sie fühlte sich dort eingesperrt, wie in einem Gefängnis. Nur manchmal bekam sie Besuch von ihren sogenannten „Freundinnen“. Aber nie hat sie Besuch von ihm bekommen – er hatte den Schritt schon viel zu weit über die Menschengrenze gewagt. Für ihn gab es kein zurück mehr. Mit diesem Gedanken hatte sie sich schon früh angefreundet. –Hoffnungslos–

Sie ging über die Wiesen, die noch mit Tau bedeckt waren und durch Wälder, in denen sie aufpassen musste, dass sie mit ihren bloßen Füßen nicht auf einen scharfen und spitzen Stein trat. Es fühlte sich gut an den Boden zu spüren, den Halt zu genießen. Sanya wusste, dass dies vorüber gehen würde. Bald würde sie wieder in ein Loch fallen, dass ihr den Halt und die Orientierung nahm. Im Chaos der vielen Fragen gefangen und gleichzeitig von der Leere gewürgt bis fast zum Erstickungstod.
Doch noch durfte es nicht so weit sein! sie hat eine Mission zu erfüllen. Eine wichtige Mission. Sie durfte es nicht vermasseln. Sanya wollte es schaffen, auch wenn sie den Teufel wieder einmal um Hilfe bitten müsste. Sie hatte schon zu oft versagt, war schon zu oft hingefallen. Das immer wiederkehrende Aufstehen. Sie wusste nicht, wie lange das ein Mensch aushalten würde. Geschwächt. Wieder schwarzsehend. Und dann, er. Ein Licht in der Dunkelheit. Nur sein Engel ist ihr geblieben und half ihr. Sie musste sich konzentrieren und sich immer wieder vor Augen führen, dass sie nicht alleine war: „Niemals mehr alleine sein!“
Die junge Frau würde bald im Reiche sein und für immer glücklich sein. Ein Glück so groß, dass es ihr niemand mehr entreißen konnte!

Sanya erreichte ihr Wohnhaus - oder wie sie es nannte: Bruchbude. Sie öffnete die Türe. Der unangenehme Geruch von Urin und Kot stieg ihr in die Nase. Sie ging durch den Kuhstall, dann eine hölzerne Treppe hinauf; öffnete eine weitere Türe, ging zu ihrem Bett und schlief traumlos und sofort ein.
Nach 3 Stunden Schlaf wurde sie von ihren 2 jüngeren Schwestern aus dem Schlaf gerissen. Ihr war schlecht. Taumelnd stand sie auf, zog sich an und ging zum Bad. In letzter Zeit brauchte sie etwas länger. Langsam. Keine Hetze. Das machen die anderen schon.
In gewohnter Weise ging sie weiter in die Küche und bereitete sich ein Frühstück aus Müsli und Milch vor. Sanya rührte lustlos in der Pampe. Sie versuchte sich gegen den Gedanken zu wehren, was sie bloß den „lieben“, langen Tag machen könnte. Ihr schien alles so sinnlos. Warum nicht einfach dort liegen und tot sein? Wieso diese Leiden der Erde ertragen?
Es half nichts, sie musste leben, auch ohne ihn. Sanya hatte keinen Hunger und schüttete den Brei die Toilette hinunter. Ihr Erzeuger war schon arbeiten und kam erst spät abends wieder zurück. Ihre Mutter war mit der Hausarbeit beschäftigt. Sie warf aber immer ein Auge auf sie. Ihre Mutter wusste bis vor einigen Monaten immer was sie tat und wo sie sich aufhielt. Aber das Wesentliche wusste ihre Mutter nie und zwar was in ihr vorging und was sie fühlte.
Sanya zog sich in letzter Zeit immer mehr zurück und ihre Maske wurde immer perfekter. Keiner konnte mehr durch ihre Mauer dringen, die sie um ihr Herz und ihre Seele aufgebaut hatte. Irgendwo in der Tiefe eingeschlossen war noch der Funke der übrig gebliebenen Liebe für ihn – aber ohne Sauerstoff war diese dem sichereren Tod geweiht. Wie oft hat sie doch schon geweint und sich gewünscht eine Person zu haben, die sie verstehen würde, die mit der Situation fertig würde, die ihr helfen konnte, doch niemand war da.
„Mich kann einfach niemand verstehen, ich verstehe mich ja selber noch nicht einmal. Wo bist du nur? Ja, dich meine ich. Ich brauche dich. Ich halte das nicht mehr lange aus! Ich brauche Hilfe. Aber keiner ist da. Ich bin so alleine. Ihr habt mich alle verlassen. Ich hasse euch! Warum spricht keiner mehr ein Wort mit mir? Okay, ich verstehe euch. Ihr wollt nichts mehr mit mir zu tun haben. Ist okay. Ich verstehe euch. Ich will ja selber nichts mehr mit mir zu tun haben. Alles ist okay. Ich brauche euch nicht! Ich komme auch sehr gut alleine klar. Ihr werdet schon sehen. Ich lebe ja (noch). Ich schaffe das schon. Bis du kommst!“
Irgendwo, tief in ihr, wusste sie, dass ihr denken falsch war. Doch ihre Sinne waren schon zu sehr benebelt, um dies zu bemerken. Sie dachte den ganzen Tag daran. Sanya kam einfach nicht mehr aus diesem Kreis hinaus. Auch wenn sie gewollt hätte. Aber auch das wollte sie nicht. Es war für sie okay. Ob es eine Strafe Gottes (?) war? Ja diesen Gedankenszug hatte sie auch manchmal. Doch ihr nächster Gedanke war, dass Gott (?) sie niemals hätte so leiden lassen. Oder Satan (?) fand es einfach geil, das junge Mädchen so zu sehen. So fertig. So kaputt. So am Ende. So einsam. Nicht lange war es her, dass der Sensemann vor ihrem Fenster gestanden und sie gerufen hatte. Sie war verwirrt gewesen, über so einen hohen Besuch. Er vermittelte eigentlich nur zwischen Hölle und Erde. Doch er war einfach nur so da. Einfach nur so gekommen. Stumm. Kalt. Einfach da. Sie fürchtete sich schon lange nicht mehr vor der Dunkelheit, da sie selber dunkel geworden war. Schwarz. Sie hatte immer diesen Wunschtraum, der goldenen Haare, der blauen Augen. Von den rötlichen Wangen, die Leben vermitteln, von der Unschuld, von der Heiterkeit, von der Freude am Leben. Doch das war sie nicht. Ihr Gesicht war kreideweiß und ihre Augen waren grau und matt. Sie hatte Teufelsflügel, pechschwarz und keine Engelsflügel, die so weiß und strahlend schön waren und die Reinheit ihres Lebens vermitteln würden. Doch ihre Illusionen ließen ihren Traum, der ganz tief in ihr verweilte, erscheinen und dass lies sie süchtig werden. Nun wollte sie kein Entkommen mehr, dafür gefiel ihr das alles viel zu gut.

Sie ging die Kellertreppe ziellos hinunter. Ihr leerer Blick schreckte schon ab, aber ihr Inneres war noch viel kälter und zerfressen von Tausenden von Fragen. Leer! Und die vielen Stimmen, die ihr Kopfschmerzen bereiteten, weil sie sich alle wiedersprachen und gegensätzlicher gar nicht mehr sein konnten. Eine gespaltene Person. Mal kam die Eine zum Vorschein, manchmal die Andere und manchmal gar keine. Sie wollte nicht diese Leere füllen, die Stimmen ersticken, doch es war zum Verzweifeln. Sie konnte einfach nicht mehr.

Sanya kramte in den Schränken. Sie fand nichts. Die Hände griffen nach ganz oben, auf das Regal. Nach links tasten, nach rechts. Da ist noch etwas. Eine Dose Würstchen. Haltbarkeit: schon vor einem halben Jahr abgelaufen. Egal. „Ich habe Hunger. Um genau zu sein Heißhunger. Ich MUSS das jetzt essen, dabei will ich nicht.“ Getrieben von Hunger und gleichzeitiger Appetitlosigkeit ging sie wieder zu der Treppe. Hinaufblickend sah sie die dunkle Türe. Tausende von Stufen. Panik. Sanya gingt in die Beuge. Um sie herum waren Hunderte von Gestalten. Schritt für Schritt kamen sie auf das verängstigte Mädchen zu. Dann ein Licht.
„Was machst du da untern? Komm wieder herauf“, rief das Kind die Treppe hinunter. Er hieß Markus und war ein jüngerer Bruder von ihr. Für sein Alter war er geistig schon sehr weit. Er machte sich in letzter Zeit Sorgen um seine Schwester. Sie war nicht mehr da. Sanya war fort. Wo war sie hin? Sonst war sie immer so lieb. Und nun war sie fort. Er konnte es einfach nicht verstehen. Dafür war er noch zu jung. Wenn er traurig war oder wütend, dann kam manchmal noch das Kind in ihm zum Vorschein.
„Komm wieder her!“ Eher aus Reflex, als aus eigenen Stücken ging sie die Stufen hinauf. Schritt, Schritt, Schritt. Markus nahm sie an die Hand, wie ein kleines Kind. Sie versuchte sich zusammenzureißen und einen recht geraden Gang auf die Reihe zu bekommen. Doch das war gar nicht mal so einfach, da sie kein klares Bild vor Augen hatte. Mal erschienen Kreise oder viel mehr Spiralen in ihrem Blickfeld und mal drehte sich das Bild. In der Küche setzte sie sich.
„Wirklich alles okay bei dir?“, frage Markus.
„Ja, es geht schon, mir ist nur ein wenig schlecht. Ich habe wohl gestern Abend etwas Falsches gegessen“, versuchte Sanya ihren Bruder zu beruhigen und brachte ein verzerrtes Lächeln über ihre Lippen. Markus warf auf einmal einen genaueren Blick auf die Würstchen. „Du willst doch nicht etwa am frühen Morgen Würstchen essen?“, fragte er etwas verwundert.
„Lass mich doch. Ist doch meine Sache, was ich essen. Aber jetzt ist mir eh der Appetit vergangen. Wie viel Uhr haben wir denn?“
„Wir haben halb 10. Warum fragst du?“
Sie schaute ihn an, zuckt mit den Schultern. Die junge Frau wusste selbst nicht so genau, weswegen sie das wissen wollte. Vielleicht weil sie wollte, dass es endlich Nacht wurde. Sie liebte die Nacht. In ihren Augen war das die schönste Zeit des Tages. Man konnte einfach so das Haus verlassen ohne das jemand dumm fragte, weshalb und wieso. Sie hatte ihr Zimmer im Erdgeschoss und so konnte sie einfach durch ihr Fenster in die Freiheit fliehen. Möglichst weit weg von Zuhause. Zu ihren ganzen Freunden, die sie nicht alleine ließen. Dort wartete immer jemand, der für sie da war. Und das alles hatte sie einem Typen zu verdanken, der sie mal angequatscht hatte. Einfach so in einer Disco. Sie war eigentlich auf dem Weg zur Toilette gewesen, doch vorher meinte der Mann, dass er ein kleines Geschenk für sie hätte. Er drückte ihr etwas in die Hand und verschwand. Seit dem geht sie mindestens einmal im Monat wieder zu ihm um immer wieder seine teuren Geschenke zu kaufen. Aber nicht mit Geld, sondern mit etwas sehr viel Wertvollerem. Ihren eigenen Rohstoff musste sie liefern.


So das ist jetzt die endgültige Fassung des ersten Kapitels ;-)

Gratis bloggen bei
myblog.de


Spiegelscherben

Vergangenes

Dreamcatcher

Seelen- verwandtschaft

Kontakt

Mein Herz

Das kleine Mädchen

Halt mich fest!

Designed By